EU-Pilotprojekt „SDM4EU II“: Lkw-Fahrer aus Afrika als neuer Ansatz gegen den Fachkräftemangel?
Das Projekt „SDM4EU II“, Rekrutierungshürden und was der Ansatz für Speditionen im Güterverkehr bedeutet.
Bildnachweis
- Foto: Nenad Prvulovic Freier Fachjournalist für Transport und Logistik
- Dieses Bild wurde mit KI erstellt. Kennzeichnung: Angabe des Einreichers
- Bild und Angaben: Nenad Prvulovic Freier Fachjournalist für Transport und Logistik, eingereicht am 12. Oktober 2026
EU-Pilotprojekt „SDM4EU II“: Lkw-Fahrer aus Afrika als neuer Ansatz gegen den Fachkräftemangel?
Der anhaltende Mangel an Berufskraftfahrern stellt den europäischen Straßentransport vor enorme operative Herausforderungen. Um dem entgegenzuwirken, erprobt die Europäische Union mit dem Projekt „Skilled Driver Mobility for Europe II“ (SDM4EU II) einen neuen, strukturierten Ansatz zur gezielten Anwerbung von Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten. Das zwischen Juni 2026 und Dezember 2028 angesetzte Vorhaben soll untersuchen, ob standardisierte Vorbereitungsverfahren, faire Rekrutierung und strukturierte Integrationshilfen dazu beitragen können, dem Fahrermangel im gewerblichen Güterverkehr nachhaltig zu begegnen.
Die Kerndaten des Pilotprojekts im Überblick
Umfang: Insgesamt nehmen 600 Berufskraftfahrer aus Ägypten und Marokko an einem Qualifizierungsprogramm teil.
Vermittlung: Ein Drittel der Teilnehmer (200 Personen) erhält eine direkte Begleitung und Unterstützung beim Berufseinstieg in der Europäischen Union.
Zielland-Aufteilung: 100 ägyptische Fahrer werden auf eine Beschäftigung in Rumänien vorbereitet; 100 marokkanische Kandidaten sind für den italienischen Arbeitsmarkt vorgesehen. Die verbleibenden Teilnehmer durchlaufen das Schulungsprogramm ohne direkte EU-Vermittlungskomponente.
Ablauf: Das Programm deckt die Phasen Rekrutierung, technische und sprachliche Schulung vor der Einreise, Arbeitgebervermittlung, rechtlich abgesicherte Mobilität sowie eine strukturierte Integrationsbegleitung im Zielland ab.
Ausbildungskapazitäten: Ergänzend werden 30 lokale Trainer in den Herkunftsländern weiterqualifiziert, um die dortigen Ausbildungsstandards zu stärken.
Koordiniert wird das Projekt von GOPA PACE im Auftrag des International Centre for Migration Policy Development (ICMPD) über die Migration Partnership Facility, mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union. Zu den Konsortialpartnern gehören unter anderem die IRU (International Road Transport Union) als technischer Standardgeber sowie Organisationen wie AASTMT, Soleterre und die ICAR Foundation. Die operative Begleitung vor Ort übernehmen in Rumänien der Verband UNTRR und in Italien der Verband FAI.
Ausgangslage: Der europäische Fahrermangel im Branchenvergleich
Aktuellen Analysen der IRU zufolge beläuft sich der Mangel an Berufskraftfahrern im europäischen Straßentransport auf schätzungsweise 500.000 offene Stellen. Die demografische Struktur der Branche verschärft die Situation: Das Durchschnittsalter der Beschäftigten liegt bei rund 47 Jahren, während die Gruppe der unter 25 Jährigen - Fahrer lediglich etwa 5 Prozent ausmacht.
Im Jahr 2023 waren nach Branchenangaben rund 300.000 Fahrer aus Drittstaaten im Einsatz, was einem Anteil von etwa 7,5 Prozent aller Berufskraftfahrer beziehungsweise rund 8 Prozent im reinen Güterverkehr entspricht. Dennoch zeigt sich ein stark heterogenes Bild innerhalb der Mitgliedstaaten:
Polen agiert seit Jahren als Spitzenreiter bei der Beschäftigung von Drittstaatsangehörigen (Ende 2023 rund 163.000 Fahrer, davon ein Großteil aus der Ukraine). Im internationalen Verkehr betrug der Anteil von Fahrern aus Nicht-EU-Staaten dort fast 30 Prozent.
Spanien wies im Jahr 2021 einen Anteil von rund 6 Prozent (gut 19.700 Verträge) aus.
Dänemark verzeichnete zwischen Januar und Oktober 2024 hingegen lediglich 15 ausgestellte Fahrerbescheinigungen für Drittstaatsangehörige.
Zu den zentralen Hürden für Transportunternehmen zählen nach wie vor langwierige Verwaltungs- und Einwanderungsverfahren, die häufig sechs bis zwölf Monate in Anspruch nehmen, sowie unterschiedliche nationale Vorgaben hinsichtlich der Anerkennung von Führerscheinen und Qualifikationsnachweisen (Code 95).
Strukturierte Qualifizierung anstelle von Einzelinitiativen
Im Gegensatz zur klassischen, dezentralen Rekrutierung, bei der Unternehmen eigenständig im Ausland nach Personal suchen und Qualifikationsnachweise sowie Genehmigungen koordinieren müssen, setzt SDM4EU II auf einen vorgelagerten Ansatz. Die Kandidaten werden bereits vor der Einreise fachlich und sprachlich geschult. Die Unterstützung der Betriebe und Fahrer soll zudem nach der Ankunft in Italien und Rumänien durch die lokalen Partnerverbände fortgeführt werden.
Parallel entwickeln einzelne Mitgliedstaaten eigene Zugangswege. In acht EU-Ländern gilt der Beruf des Kraftfahrers mittlerweile offiziell als Mangelberuf, was unter Umständen den Verzicht auf bestimmte Arbeitsmarktprüfungen ermöglicht. Deutschland plant derweil Anpassungen, um Qualifikationsprüfungen in mehreren Sprachen zugänglich zu machen, die Grundqualifikation organisatorisch anzupassen und die Anerkennung bestimmter ausländischer Fahrerlaubnisse zu vereinfachen.
Fazit für Unternehmer
Angesichts eines europaweiten Bedarfs von rund 500.000 Fahrern ist das EU-Projekt mit gerade einmal 200 vermittelten Fahrern rein quantitativ nur ein Tropfen auf den heißen Stein und löst die akuten Probleme der Speditionen nicht. Dennoch zeigt der Ansatz in die richtige Richtung: Wenn Vorbereitung, Sprachschulung und behördliche Abläufe vor der Einreise zentral geregelt und standardisiert werden, sinkt das operative Risiko für die Unternehmen drastisch. Bis solche Modelle jedoch im großen Stil greifen, bleibt die Rekrutierung von Drittstaatsfahrern für Transportunternehmer ein bürokratischer Kraftakt, der durch eigene Ausbildungsanstrengungen und Prozessoptimierungen flankiert werden muss.
Disclaimer: Allgemeine redaktionelle Information ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Rechtsberatung. Für konkrete Personalentscheidungen wird die Konsultation von Fachanwälten und zuständigen Wirtschaftsverbänden empfohlen.
Nenad Prvulovic Freier Fachjournalist für Transport und Logistik
Original-Inhalt von Nenad Prvulovic Freier Fachjournalist für Transport und Logistik
Sie haben ein rechtliches Anliegen zu dieser Mitteilung? Meldungen sind kostenlos.
Sie sind als Firma oder Pressekontakt dieser Mitteilung hinterlegt?
Der Anmeldelink geht an die hinterlegte Adresse:
- n***@gmx.com
Sie erhalten einen Anmeldelink per E-Mail – ganz ohne Passwort. Andere Adresse? Anmeldung per E-Mail-Link.